Wie bekomme ich Verhalten?

„Wenn ich vor meinem Pferd stehe und mir nur denke, was er tun soll, warte ich doch stundenlang bis irgendwas passiert. „

“ Irgendwo muss man doch einen Impuls setzen, dass ein Pferd etwas macht. Und dann folgt das Lob durch Click und Leckerli. „

IMGP9759Wir alle sind das Produkt unserer Erziehung. Wir haben (fast alle) die normale Schullaufbahn durchwandert (mancher ist auch eher gehumpelt 😉 ). Wir haben einen Job, in dem wir für Leistung ein Entgelt bekommen.  Freiwillig tun wir meistens nur, was uns Spaß macht oder nur wenn es uns etwas bringt.

 

Wieso sollten wir also von unseren Pferden etwas anders erwarten?
Wir haben in den meisten Fällen gelernt, dass ein Pferd das tun soll, was wir ihm vorgeben. Es sei eine Frage der Sicherheit. Ein Tier, insbesondere wenn es so groß ist, müsse kontrolliert werden, sonst sei unsere Gesundheit gefährdet.
In irgendeiner Pferdezeitschrift habe ich vor einigen Jahren noch den Satz gelesen „Eigenständiges Handeln des Pferdes führt direkt zum Ungehorsam.“
Ein Pferd, das etwas anderes tut als wir gerade wünschen oder anweisen, ist „ungehorsam“. Gutes Benehmen belohnen wir natürlich gerne. Aber nur wenn es genau das ist, was wir wollen.

Dafür soll uns unser Pferd aber bitteschön lieben. Denn wir wollen eine Partnerschaft haben, und deshalb soll unser Pferd alles aus Liebe für uns tun, und nicht für Futter.
Und weil wir ja wollen dass es das tut, was wir jetzt gerade wünschen, äh anweisen.

Die Definition von Clickertraining ist ja eigentlich ganz simpel:

Verhalten, das uns gefällt, wird mit einem Marker (dem Click) gekennzeichnet, und es folgt eine Belohnung. Diese Belohnung verstärkt beim Tier den Wunsch, das vorher gezeigte Verhalten erneut anzubieten, um „mehr davon“ zu bekommen. 

 

Das ist für mich der Kernpunkt des Clickertrainings. Und das Wichtige daran ist der zweite Satz: Das Tier bietet das Verhalten erneut an, um sich eine erneute Bestätigung zu verdienen.

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Das beinhaltet eine Freiwilligkeit des Tieres, Verhalten anzubieten. Mit dieser Freiwilligkeit sind aber in der Regel erstmal Mensch und Tier überfordert – weil beide es nie gelernt haben, wie so etwas funktionieren kann und dass es funktionieren kann.

 

Maria Montessori  war eine italienische Ärztin, die sich darin engagierte, Kinder im Lernen zu fördern, die von der Gesellschaft wenig Chancen zu erwarten hatten.
Sie hatte spezielle Arbeitsmaterialien entwickelt, die den Kindern die Möglichkeit gaben, die Antwort selbst zu finden, oder am Material selbst einen ganz bestimmten Sachverhalt zu lernen.

„Hilf mir es selbst zu tun“

ist der wichtigste Grundsatz in der Montessoripädagogik. Genauso wichtig wie die verwendeten Materialien ist die sogenannte „vorbereitete Umgebung“, in der Kinder lernen können sich zu strukturieren, sich selbst zu beschäftigen und zu organisieren und selbstbestimmt zu lernen.
Das dies funktioniert, zeigen heute viele Schulen und Fördergruppen, die nach der Montessoripädagogik arbeiten. Kinder lernen selbstbestimmt und selbstbewusst. Sie wollen lernen, sie wollen Leistung bringen, und das unabhängig von Noten und Zeugnissen.

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Für die Pferde können wir gerade in Sachen Clickertraining davon lernen: 

– schaffe eine Umgebung, in der es wahrscheinlich ist, dass das gewünschte Verhalten auftritt
– arbeite mit Material, das einen innewohnenden Sinn hat (oder durch den Lernaufbau zugewiesen bekommt)
– schaffe Motivation, das Lernen und die Eigeninitiative zu fördern
– schaffe aufeinander aufbauende Lernziele

Ein wichtiger Clickergrundsatz ist hier:

Beginne nicht mit Deinem Ziel!

 

Bleibt immer noch die Frage:
Wie bekomme ich denn Verhalten, wenn ich es nicht initiieren ‚darf‘?
Ist Clickertraining nur dasitzen, „omm“ machen und warten dass das Pferd sich mir unter den Sattel schiebt?
Nein, das ist es natürlich nicht.
Ich persönlich bin auch nicht der Meinung, dass Clickertraining nur aus freiem Formen besteht. Man kann durchaus Hinweise geben. Aber wenn ich mal davon ausgehe, dass mein Pferd und ich verschiedene Sprachen sprechen, dann müssen wir beide Vokabeln lernen, um uns zu verständigen. Und je mehr Vokabeln wir haben, desto besser kann die Verständigung ablaufen.

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• Eine gute Anfangsvokabel ist z.B. das „Touch“ – d.h. „Berühre das Ding“.
Zum Erlernen halte ich meinem Pferd ein Target (ein Zielobjekt) vor die Nase. Hier hilft uns schon die natürliche Neugier des Pferdes, jede Hinwendung zu dem Objekt zu bestärken.
• Genauso kann ich vorgehen, wenn ich dem Pferd die Matte zeigen möchte. Ich kann mich so platzieren, dass die Matte zwischen mir und dem Pferd liegt. So kann ich jede Hinwendung des Pferdes zu mir gleichzeitig als eine Hinwendung zur Matte bestärken, jeden Blick, jeden Nasenkontakt, jeden Fußkontakt.

• Ich kann „Füttern für Position“ nutzen, um dem Pferd beizubringen, wo eine „gute“ Position ist, weil genau dort immer das Futter erscheint.

• Ich kann Freies Formen nutzen, um eigene Ideen des Pferdes zu bestärken und Schritte auf dem Weg zum Zielverhalten mit dem Clicker markieren.
Indem ich zufälliges Verhalten markiere, kann ich bei einem „clickercleveren“ Pferd eine Wiederholung bekommen – der erste Weg zur Verhaltensabsicht ist damit schon erfolgt.

• Und dann kann ich natürlich auch mit sanfter Führung arbeiten, um dem Pferd eine Idee davon zu geben, was ihm den nächsten Click einbringt. Diese Führung kann wiederum körpersprachlicher Natur sein, sie kann physischen Kontakt beinhalten (z.B. beim sogenannten „Molding“, wo ich dem Pferd eine Bewegung quasi vorgebe).

• An der Signalkontrolle zu arbeiten ist ein weiterer Weg um dem Pferd darin Sicherheit zu geben, welches Verhalten jetzt gerade am erfolgversprechendsten sein wird.

Je mehr das Pferd lernt, dass es Erfolg bringt, eigenständiges Handeln anzubieten, desto vielfältiger wird unsere Kommunikation. Weg vom „Tu das jetzt und dann tust du das“ wird der ganze Umgang mit dem Pferd zum Dialog, wo mal der Mensch und mal das Pferd die Fragen stellt. Und je geschickter wir im Fragenstellen werden, desto mehr können wir  – und auch das Pferd  – freudig mit „Ja“ antworten.

Zu guter Letzt ein Video zur Veranschaulichung, wie Training ohne Initialdruck aussehen kann. Auch wenn es Hundetraining ist, sind hier doch ein paar Kriterien erfüllt, die auch im Pferdetraining von Bedeutung sind und die uns und unser Training bereichern können.

– ablenkungsarme Umgebung
– reduzierte Körpersprache, um keine unabsichtlichen Signale zu geben
– sehr gezielter Einsatz von Futter
– störungsfreies Lernen durch gut geführtes Training

 

 

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