Geschnitten oder am Stück?

cheesSie haben einen Traum… ein Ziel fest im Blick… einen Wunsch für die Ausbildung Ihres Pferdes. Und dann versuchen Sie daran zu arbeiten. Und scheitern. Irgendwie funktioniert das Ganze nicht. Dabei soll das Pferd doch „bloß“ stehenbleiben können. Oder in den Pferdehänger einsteigen. Oder sich auf einem Zirkel auch biegen.

Ein wichtiger Grundsatz beim Clickertraining ist:
Beginne nicht mit Deinem Ziel.

 

 

Das sagt sich ja recht leicht, aber was bedeutet es in der Praxis?

Nehmen wir einmal das Beispiel vom Verladen in einen Pferdehänger.

Frage ich bei Kursen nach dem Zerlegen dieser Übung in Einzelschritte, wird als erster Schritt meistens „Ein Huf auf der Rampe“ genannt. Andere würden gerne erst bestärken, wenn zumindest der Kopf im Hänger ist, denn dann ist nach ihrer Meinung das Kriterium „Pferd im Hänger“ erfüllt. Und manch einer verlangt, dass das Pferd ganz drin stehen muss, wenn das Training als erfolgreich angesehen werden soll.

Diese Schritte erweisen sich in der Regel als zu groß, wenn das Pferd Bedenken hat, in den Hänger einzusteigen. Wo ich mit der Bestärkung beginnen muss, zeigt mir in der Regel das Pferd – wenn ich ihm denn zuhöre. Wenn das Pferd also zehn Meter vor dem Hänger beim Heranführen schon zögert, ist spätestens dort unser erster Trainingsschritt notwendig:

Hinschauen zum Hänger – Click – Belohnung.

Nun kann ich den Weg bis zur Anhängerrampe wieder in kleine Schritte zerlegen und kann dazu lauter einzelne Fragen stellen:

– Kannst Du neben mir stehen und den Hänger anschauen?

– Kannst Du entspannt neben mir stehen und den Hänger anschauen?

– Kannst Du auf ein leichtes Stricksignal hin mit mir einen Schritt auf den Hänger zu gehen?

– Kannst Du ein Target berühren wenn Du Dich in der Nähe des Hängers befindest?

– Kannst Du dem Target Richtung Hänger folgen?

– Kannst Du in der Nähe vom Hänger auf einer Matte stehen?

– Kannst Du Dich in der Nähe vom Hänger entspannen?

All diese Fragen stelle ich, bevor ich auch nur frage, ob überhaupt ein Huf auf die Rampe gesetzt werden kann. Wenn wir dann soweit an der Rampe angekommen sind, kann ich jede Blickrichtung in den Hänger hinein, jedes Hinschauen zur Rampe, jedes Anschnüffeln bestärken.

Interessant wird es nun, wenn der erste Huf auf der Rampe gelandet ist. Denn nun clicke ich und bringe das Pferd über gezieltes Positionsfüttern so zurück, dass es sofort von der Rampe wieder heruntergeht. Einen Huf auf die Rampe – Click – und wieder zurückfüttern. Auch wenn das Pferd schon weiter oben stehen kann, wenn es schon zwei oder drei Schritte die Rampe herauf gemacht hat, bringe ich es nach dem Click wieder durch die Positionsfütterung vor die Rampe auf den Boden.

Das hat mehrere Gründe.

Bis das Pferd weiter oben auf der Rampe ist, hat es zigfach den ersten Schritt auf die Rampe gemacht. Mit jeder Wiederholung wird es sicherer mit diesem ersten Schritt. Mit jeder Wiederholung stärke ich die Nervenbahnen, die das Pferd benutzt, um diesen ersten Schritt zu machen.

Machen wir einen kleinen Ausflug in die Nervenphysiologie 😀
(keine Angst, es tut nicht weh 😉 )

 

Unser Gehirn baut ständig Verknüpfungen auf. Neue Ereignisse werden mit bereits vorhandenen verknüpft.  Nervenbahnen werden aktiviert. Je öfters eine Nervenbahn benutzt wird, desto dicker wird ihre Myelinschicht – das ist die äußere Schicht die den Nerv umhüllt. Je dicker diese Schicht ist, desto schneller wird der Nerv, wenn er aktiv ist.

Viel begangene Wege werden also zu Nervenautoahnen. Sehr viel begangene Wege werden zum Reflex, den man schon entlangesaust ist, bevor man es überhaupt bewusst gesteuert hat.

Die Wege im Park stehen für diese Nerven. Durch ständige kleine Wiederholungen kann ich starke Verknüpfungen aufbauen. Der Körper lernt so mit jeder Wiederholung. Bereits Bekanntes wird als „Sicher“  eingestuft und abgespeichert, sofern es in entspannter Umgebung stattfinden kann.

Gehen wir wieder zurück zur Hängerklappe. Der erste Schritt, den wir nun das Pferd schon 30 Mal angefragt haben, kann nun von dem Pferd ganz lässig mit „ja klar, das kann ich“ beantwortet werden. Dadurch, dass wir es durch das Zurückfüttern immer in einen „grünen Bereich“ gebracht haben, in dem es entspannt bleiben kann (seine Komfortzone), schaffen wir die Voraussetzung dafür, dass das Gelernte ebenfalls im „Grünen Bereich“ stattfindet.

Je mehr wir uns das zunutze machen, desto schneller wird sich der für das Pferd sichere Bereich vergrößern und die zuvor potenziell bedenkliche Hängerklappe mit einschließen.

Und irgendwann wird das Pferd signalisieren, dass es wirklich nicht von der Klappe heruntergehen muss, sondern bitte seinen Keks genau da bekommen kann, wo es gerade steht – oben auf der Klappe.

So haben wir über das kleinschrittige Vorgehen eine stabile sichere Verknüpfung geschaffen und unser Pferd hat gelernt, entspannt auf die Hängerklappe zu gehen.

Genauso geht es nun weiter, bis das Pferd schließlich nach – Sie werden es ahnen – sehr vielen Wiederholungen – entspannt im Hänger steht.

Das Interessante an der Arbeit mit wirklich häufigen Wiederholungen ist, dass die Pferde diese Vorgehensweise wirklich schätzen. Es ist in der Regel der Mensch, der der irrigen Meinung anhängt, man müsse das Training auf jeden Fall immer total abwechslungsreich gestalten. Und manche Probleme können sich vollständig in Luft auflösen, wenn man sie in genügend kleine Schritte zerlegt, bei denen das Pferd jederzeit sagen kann: Ja, ich schaffe das.

Durch die ständige Wiederholung in dem Bereich, der „machbar und sicher“ ist, verschiebt sich die Komfortzone des Pferdes immer weiter, je länger man daran arbeitet. So wird man aus ein und derselben Übung nach und nach immer mehr wertvollen „Output“ bekommen, je länger man sich damit beschäftigt.

Dies gilt auch für anspruchsvolle körperliche Übungen.

Körperliches Training ist in der Regel Muskeltraining. Ein Muskel kann zwei Dinge tun: Zusammenziehen – und loslassen. In Kombination ergibt das eine Muskelzuckung. Wieviel Muskelzuckungen ein Muskel leisten kann, bevor er in Stoffwechselnot gerät, hängt vom Trainingszustand und -aufbau ab.

Ein verspannter Muskel hat zudem noch ganz andere Probleme. So kann es also sein, dass eine so „simple“ Anfrage wie z.B. die nach „Stellung“  (d.h. eine leichte seitliche Bewegung des Kopfes, so „dass der Reiter das Auge schimmern sieht“, wie es in der alten Literatur so schön beschrieben ist)  für das Pferd vielleicht nur sehr schwer ausführbar ist, weil die Muskeln rund um das Genick verspannt sind.

Meinen Connemarawallach Mirko, der jetzt 21 Jahre alt ist, habe ich die meiste Zeit seines Lebens mit Trense geritten. Wir haben uns vor Jahren mühsam erarbeitet, dass er auf eine Zügelanfrage hin kaut und damit eine gewisse Lockerheit erreicht, ohne die er im Hals einfach nicht losließ.

Immer wieder habe ich probiert, ob ich ihn auch gebisslos reiten kann, aber er konnte mit dem Sidepull diese Lockerheit nicht erreichen. Es war als ob man ständig gegen eine Wand reiten würde.

In diesem Jahr haben wir verletzungsbedingt eine längere Pause gemacht, und die Führarbeit vom Boden aus komplett neu aufgebaut. So haben wir über Monate nicht viel anderes gemacht als die Annäherung der Hand über den Strick Richtung Halfter neu zu formen und uns mit der allerkleinsten Bewegung in die Stellung zufriedenzugeben.

Das Ziel war eigentlich gar nicht die Stellung, sondern nur die Akzeptanz der Zügel/Strickanfrage zu verbessern, da er sehr viel nach der Hand und dem Strick geschnappt hat. Das Nachgeben in die Stellung war nur das Zeichen dafür, dass er den Impuls gut annehmen konnte. Das wurde mit der Zeit richtig gut und er hat sich immer mehr entspannt.

Als ich nun nach einer siebenmonatigen Reitpause das Sidepull beim Reiten einsetzte, stellte ich fest dass ich „auf einmal“ genauso wie mit Trense arbeiten konnte. Durch die vielen kleinsten Wiederholungen und Anfragen habe ich das Genick wirkungsvoll entspannen können. Die „Wand“ ist verschwunden.

Selbstverständlich wurde er zwischendurch auch mehrfach physiotherapeutisch behandelt, jedoch hatte das auf die Rittigkeit in diesem Fall weniger Auswirkungen.

Darf es ein bisschen weniger sein?

Wenn wir also mit Clickertraining nicht nur Tricks trainieren, sondern in die ernsthafte Ausbildung des Pferdes investieren, können die Schritte gar nicht klein genug sein. Und je mehr Zwischenschritte wir zwischen unser Ziel und den Ist-Zustand legen können, desto besser. Das Schwierigste dabei ist, sich selbst zu bescheiden und wirklich wenig zu wollen – für den Moment. Wir können große Ziele haben. Und je kleinschrittiger wir auf dem Weg zu unserem Ziel fortschreiten, desto besser und sicherer werden wir an unserem Ziel ankommen.

Das Interessante ist, dass es nicht langweilig wird. Je mehr Aufmerksamkeit ich selbst auf die kleinsten Details lege, desto feiner wird die Kommunikation zwischen meinem Pferd und mir.

So wie eine gute Scheibe Käse am besten schmeckt, wenn sie ganz hauchdünn geschnitten ist und quasi auf der Zunge zergeht.  In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Ihr Training kein „Geschmäckle“ hat (wie man hier im Süden sagt – ein unerwünschter Beigeschmack), sondern einen wirklich rundum guten Geschmack.

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Grafik by Amelie Mohr © www.picammo.de

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