Reiten – Alles positiv oder was?

Vor einigen Jahren habe ich dieses Video angeschaut und es hat mich damals noch sehr beeindruckt. Trainingstechnisch finde ich es immer noch sehr schön, weil es gut zeigt, wie man eine „Dressurbewegung“ in einzelne Teile (Component Behaviours) zerlegen und einzeln trainieren und dann wieder zusammensetzen kann. Dann kommt eine Passageähnliche Bewegung dabei heraus.

Auf diese oder ähnliche Weise kann man sicher das ganze Repertoire eines Dressurpferdes erarbeiten, dann fügt man das Kriterium „Mensch sitzt oben“ hinzu und voilà, fertig ist das positiv aufgebaute Dressurpferd.

Heute allerdings sind meine Ansprüche gegenüber früher doch ziemlich verändert. Durch meine Ausbildung zur Pferdephysiotherapeutin, meine Tätigkeit als Reitlehrer und meine intensive Beschäftigung mit verschiedensten Herangehensweisen an das Thema „das balancierte Pferd“ hat sich für mich ein Weg herauskristallisiert, an dem ich aktuell meine Pferdeausbildung ausrichte.

Thema Nr. 1 ist dabei der lange Hals. Und hier auch schon der Hauptkritikpunkt an dem Muli-Passage-Video. Grundlage dieser Kopf- und Halshaltung ist die sogenannte Pose, eine dressurähnlich anmutende Haltung, die das Pferd mit in die Bewegung nehmen kann. Dabei spannt es über das Anwinkeln des Kopfes das Nackenband, was hilft, den Rücken oben zu halten, die Bauchmuskulatur gut zu benutzen und eine federnde Spannung in die Extremitäten zu bekommen. Dies wiederum ist dem Schwung zuträglich, solange man unter „Schwung“ das federnde Abfußen und eine verlängerte Schwebephase versteht.

Ich möchte den Hals des Pferdes über eine sehr lange Zeit wirklich lang nach vorne haben.

Ich habe mich eine Zeitlang intensiv mit dem Longenkurs beschäftigt und zeitgleich mit der Arbeit von Alexandra Kurland. Beide haben die gleiche Intention und das zentrale Moment der „Stellung“ nimmt einen großen Raum ein. Im Longenkurs ist es ein Führen in die Stellung am Kappzaum, bei Alexandra Kurland eine „Idee“ von Stellung, vermittelt über einen mehr als leichten Kontakt über den Führstrick am Halfter.

Ich habe mich mit den Unterschieden beschäftigt: Was es ausmacht, wenn die Bewegung vom Pferd frei angeboten wird oder über die sanft führende Hand einen Punkt zum Abstossen, zum Orientieren bekommt. Wenn das Pferd die Bewegung frei anbietet, tut es das so wie es ihm am angenehmsten und einfachsten erscheint. Hierbei kann es sehr leicht zu der oben angesprochene Verkürzung des Halses kommen, die leicht übersehen wird, weil der Kopf ja „so schön“ da hingehalten wird.

Da das Pferd ja ausprobieren darf, wird es durchaus diese Möglichkeit in Betracht ziehen und fürderhin für sich nutzen.

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Die Kunst besteht also darin, schon den allerersten Ansatz zu erkennen und dem Pferd sanft, aber unmissverständlich klarzumachen, dass das offene Genick die bessere Idee ist.

Warum ist das wichtig, dass der Hals lang und das Genick wirklich offen bleibt? 

Nur wenn der Hals lang ist kommt das Nackenband in den Zug und die Dornfortsätze der Wirbelsäule werden nach vorne gezogen, wodurch sich der Widerrist etwas auffächert.

Die Muskeln des Halses bleiben in ihrer Bewegungsarbeit und versuchen nicht zu halten, etwas, das sie sonst unweigerlich verkürzen würde.

Das Pferd hat mehrere Möglichkeiten, die für das Tragen des Reiters nötige Haltearbeit anzugehen. Zum einen den bereits erwähnten Zug über das Nackenband. Weiterhin benötigt es eine aktiv arbeitende Bauchmuskulatur.

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Und hier kommen wir zum nächsten kritischen Punkt.

Mit die gruseligsten Rücken habe ich bei Pferden gesehen, die ‚nur über positive Verstärkung‘ „ausgebildet“ wurden.

Wenn ich alles bestärke im Trab, was sich „gut“ anfühlt, im Sinne von „bequem“, ohne die Sache mit dem Schwung (Was ist das eigentlich? ) verstanden zu haben, bekomme ich einen Rücken, der locker auf und ab schwingt und mich nett sitzen lässt.

Biomechanisch gesehen ist das eine Katastrophe, denn was habe ich dem Pferd hier beigebracht?

Ich habe mir erclickert, dass der Rücken „weich“ ist.

Nun muss man wissen, dass die Rücken- und die Bauchmuskulatur zusammengeschaltet und verwaltet werden. Wenn die Rückenmuskulatur kontrahiert (sich zusammenzieht), muss die Bauchmuskulatur entspannen. Sie ist dann der Antagonist für den Rumpf. Wenn wiederum die Bauchmuskulatur kontrahiert, muss die Rückenmuskulatur loslassen, damit der Rumpf sich nach oben wölben kann.

Bestärke ich mir nun einen weichen, bequemen Trab, tue ich das in Phasen in denen die Bauchmuskulatur ganz inaktiv ist. Mit der Zeit bekomme ich so einen immer weniger aktiven Rücken, dem die Stütze durch die restliche Rumpfmuskulatur völlig abhanden gekommen ist. Er verliert komplett seine Haltespannung und beginnt durchzuhängen.

„Reite Dein Pferd vorwärts und richte es gerade“ – ein bekannter Satz von Gustav Steinbrecht. 

Auch wenn ich immer denke, dieser Satz ist eher als Kontrapunkt zu Baucher gedacht, der ja eher die Balance im Stehen korrigierte und ‚die Pferde verbog’, hat das Vorwärts durchaus seine Berechtigung. Es wird jedoch ebensooft mißverstanden wie übertrieben.

Warum muss das Pferd denn „vorwärts“ gehen?

Das Pferd hat, wie bekannt ist, zwei Beinpaare.  Mit der Vorhand kann es sich nach vorne ziehen, die Hinterhand bringt den Schub. Der Schub geht über die Muskelkette der Hinterhandstrecker über den Glutaeus maximus in den langen Rückenmuskel. Nur wenn das Pferd einen langen Hals macht und das Nackenband mitarbeitet (siehe oben) und die Bauchmuskulatur schön arbeitet (s.o) kann nun der Hebel der Hinterhand über die Kruppe den Rücken aktivieren und aufwölben.

Das ist die Grundlage der anatomisch korrekten Tragehaltung, wie ich sie verstehe.

Um ein gesundes Reitpferd zu erhalten, brauchen wir also 

– den langen Hals

– eine aktive Bauchmuskulatur

– eine aktive Hinterhand

Mit dem Anspruch, nur mit positiver Bestärkung zu arbeiten, muss ich also ganz gezielt Übungen aussuchen, die mir „als Nebeneffekt“ diese Bewegungsmuster zur Verfügung stellen.

Diese Übungen finde ich bei Alexandra Kurland, „The Click that Teaches“.  Sie hat es geschafft, die Reitanforderungen, die ich hier dargestellt habe, in Einzelaufgaben zu zerlegen und Übungen geschaffen, die diese Elemente als Einzelkriterium im Lauf der Entwicklung und Ausbildung fördern.

Hierbei wird über Wiederholungen und Muster gearbeitet, sowie über eine geniale Möglichkeit, einen Kontakt herzustellen, der eine deutliche Information für das Pferd beinhaltet, ohne aversiv zu sein.

Zusätzlich habe ich die Möglichkeit über Targettraining Bewegung zu bekommen, über Signalkontrolle diese zu festigen und dann irgendwann „einzufordern“.

Und da kommen wir langsam zu dem Knackpunkt, an dem für mich die positive Verstärkung ihre Grenzen hat.

Wenn ich nun ein Pferd habe, das ich sorgfältig über Jahre nach bestem Wissen und Gewissen mit positiver Bestärkung aufgebaut habe. Es setzt sich in Bewegung, wenn ich das Signal gebe. Es bietet mir auch Bewegung an. Es kann sich dekorativ bewegen, sogar mit mir oben drauf.

Aber – es ist  – nicht genug. Nicht genug, damit ich in den Schwellenbereich komme, in dem Reiten nicht schädliche Belastung, sondern fördernde Ansprache ist. Nicht genug, weil eben die Schaltstellen, die für eine wirklich gute Muskelarbeit notwendig sind, nicht in Arbeit kommen. Es wird mühsam fürs Pferd.

Natürlich kann ich hier wieder 10 Schritte zurück gehen und im Komfortbereich arbeiten. Oder aber ich kann dem Pferd über positive Bestärkung verständlich machen, was es bedeutet, wenn ich beginne Druck auszuüben.

Hier ist für mich persönlich ein Scheideweg. Will ich das?

Will ich das gute Laufen des Pferdes, das für eine weitere Reitausbildung nötig ist, einfordern, oder will ich weiter im Schmusebereich arbeiten, was auch beinhalten könnte, dass ich irgendwann aufhöre, Reiten zu wollen, weil ich nie dahin komme, dass es dem Pferd auch gut tut?

Ich persönlich entscheide mich dafür, Muskelarbeit einzufordern. Weil ich selbst an mir merke, wie gut es sich anfühlt, über seine Grenzen hinaus gefordert zu werden, und sich weiterzuentwickeln.

Zudem möchte ich in Kontakt mit dem Pferd sein und nicht nur Passagier. Ich möchte eine lebendige Verbindung haben, ein Gespräch zwischen unser beider Körpersysteme. Denn nur daran kann ich erfahren, was Losgelassenheit bedeutet. Kann erspüren ob sich das Pferd in der Bewegung leicht macht oder fest hält. Deshalb ist für mich die Qualität der Zügelverbindung essentiell wichtig.

Solange ich hierbei nicht meine Prinzipien verrate, und dem Pferd immer kleinschrittig erkläre, was genau wir hier tun, sehe ich keinerlei Widerspruch zum Clickertraining. 

Mein Connemarawallach Mirko, der mich jetzt seit 20 Jahren begleitet, gibt mir zumindest das starke Gefühl, dass er sehr gerne mit mir gemeinsam unterwegs ist.
Wenn ich auf seinem Rücken sitze, muss er nicht so langsam machen, wie wenn ich laufe 😉

 

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