Lass mal Gnade walten…

Wenn man von konventionellen Training zu Clickertraining wechselt, können sich viele Dinge verändern. Auffällig ist dabei zunächst die massiv gesteigerte Motivation des Pferdes, selbständig etwas zu tun, einfach mitzumachen und sich seine Clickerbelohnungen zu verdienen. Und da die wenigsten von uns in einer geschlossenen „Blase“ trainieren, kommen Rückfragen von anderen. „Musst Du denn wirklich immer füttern?“ „Ich dachte der soll abnehmen, warum fütterst Du denn ständig?“ „Das muss auch so gehen, ohne das man immer Futter einwirft.“

Das führt meistens trotz aller guten Vorsätze dazu, dass der Neuling im Clickertraining verunsichert wird. So können sich einige der „falschen Gedanken“ im Hinterkopf festsetzen. Daraus entsteht dann gerne eine Einstellung, dass sich das Pferd doch wenigstens das Futter „verdienen“ soll, was es auf einmal so reichlich gibt. 

Wir alle sind was wir tun und in einem gewissen Maß führt unser bisheriges Tun dazu, dass wir Handlungen nicht so schnell ändern können und neue Gewohnheiten entwickeln sich nur zögerlich. 

Aus solchen Vorerfahrungen kann es passieren dass man denkt das der nächste Click für das Pferd aber doch erst kommen sollte, wenn sich eine deutliche Verbesserung des Gewünschten zeigt. Schließlich hat es ja eben bereits gezeigt dass es das „kann“ und nun soll es also besser werden, denn man möchte ja vorankommen. 

Leider führt das in den meisten Fällen dazu, dass das Pferd in diesem Moment ganz schön unter Stress gesetzt wird. Es versteht nicht warum der Click jetzt ausbleibt. Es fragt vielleicht beim Menschen nach durch Anstubsen –  leichter erregbare Exemplare fragen vielleicht auch mit den Zähnen mal nach. Ein Kopfschütteln zeigt ebenfalls an dass das Pferd Stress hat. 

Das Prinzip der „variablen Bestärkung“, das z.B. dafür sorgt dass sich Inkonsequenz in Sachen Bettelverhalten schnell rächt, kann erst mit Erfolg eingesetzt werden, wenn sich das Pferd bereits sehr sicher ist, dass das gerade angebotene Verhalten wirklich das Gewünschte ist und zuverlässig mit Click und Belohnung honoriert wird. Ist sich das Pferd noch nicht ganz sicher, kann ein einziger ausbleibender Click das gesamte bisherige Verhalten zusammenbrechen lassen, weil das Pferd verunsichert wird ob es jetzt wirklich genau _das_ war oder vielleicht doch etwas ganz anderes. Denn genau wie ein Click eine innewohnende Information für das Pferd hat, sagt ein ausbleibender Click, der aber erwartet wird „Das war es wohl nicht, versuche etwas anderes“. 

Um den Stress aus solchen Situationen herauszunehmen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. 

1) Wirklich kleinschrittig zu belohnen und das Pferd nicht im Ungewissen lassen, was es tun soll. Die Steigerung der Anforderung sollte erst erfolgen, wenn das Pferd deutlich richtige Wiederholungen zeigt. Von 10 Anfragen/Angeboten sollten mindestens 9 richtig sein, bevor etwas geändert wird. Oft wird zu schnell die Anforderung gesteigert, weil man dazu neigt zu denken dass das Pferd sich mit vielen Wiederholungen langweilt. Das Gegenteil ist jedoch meist der Fall, und die Pferde „steigen aus“, weil das Training für sie nicht durchschaubar bleibt. 

 

2)  Habe ich anspruchsvolle Aufgabenstellungen (was das ist, hängt vom Pferd ab – schon ein ruhiges Stehen mit dem Menschen auf der ungewohnten Seite oder an einem ungewohnten Platz kann für ein Pferd grenzwertig schwer sein) und möchte dem quasi im angestrengten Denken qualmenden Pferdehirn eine Pause geben, würde das „Einfach nichts tun“, also das Einstellen von Fragen und damit auch von Clicks wiederum zu Stress führen. Eine Möglichkeit dafür ist, einen Behälter mit Heu bereit zu stellen, aus dem das Pferd nach Belieben fressen kann. Eine andere Möglichkeit ist das hochfrequente Anbieten des Handtargets ohne Anforderung (also recht nah vor der Nase, so dass das Anstubsen keinerlei Schwierigkeit enthält) so dass ich weiterhin Futter anbieten kann, was das Pferd wiederum entspannen kann und ihm immer noch Sicherheit gibt. Oder ich belohne „ruhiges Stehen“ neben mir und clicke für quasi „nichts tun“, wobei man wieder bedenken muss dass das „nichts tun“ für das Pferd auch schwer sein kann, solange es noch nicht genügend gefestigt in der Höflichkeit ist. 

Nach so einer „Clickerfeuerwerkpause“ kann es sein, dass ich nun tatsächlich einen Schritt weiter gehen kann in der Anforderung, oder das Pferd bietet mir etwas Neues oder Besseres an als vorher. Vielleicht sagt es aber auch „jetzt ist es genug“ und dabei sollte man es dann auch belassen. 

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