Waterloo oder Wie mein Pferd mich lehrte zuzuhören

Auch wenn sie allgemein als nützlich und dekorativ angesehen werden, war ich nie ein großer Fan der klassischen Zirkuslektionen.

Sei es dass ich zu unbegabt bin, sie beizubringen, oder mich dem Hype nicht anschließen wollte, der irgendwann begann und demzufolge zumindest jedes Freizeitpferd, das etwas auf sich hält, komplimentieren, sitzen, steigen und elegant spanisch schreiten müsse (heute muss es dann dafür der Schulhalt und die Piaffe sein, ganz egal wie)  – mir lag es mehr, „sinnlosen“ Unfug (wie z.B. Apportieren) mit meinem Pony zu erarbeiten. 

    

Dennoch konnte ich mich dem Ganzen nicht komplett verschließen und so mühte ich mich einige Zeit mit dem Erarbeiten des Kompliments ab, bis wir es nach Jahren schließlich leidlich zustande brachten. Warum es Mirko so schwer fiel, habe ich erst sehr viel später verstanden – wie auch vieles andere. 

Jedenfalls war ich mir recht sicher, dass ich den spanischen Schritt nicht brauchte. Ich hatte ein übermotiviertes Pony, vor allem seitdem ich mit dem Einsatz von Click und Futter begonnen hatte, und ich hatte ein kleines Kind.

Aus Sicherheitsgründen wollte ich vermeiden
dass mein übermotiviertes Pony meinem
kleinen Kind ungefragt die Beine entgegenwirft. 

 

 

Mirko liebte jedoch Podeste, sobald er sie kennengelernt hatte. Seine größte Freude war es, irgendwo oben zu stehen und sich großartig zu fühlen. In so einem Moment, als er erhaben auf einer schmalen Brücke stand, kam ihm in den Sinn, seinem Stolz auszudrücken indem er ein Vorderbein hob – Click – Voilà, innerhalb von fünf Minuten hatten wir den spanischen Gruß abrufbar „erarbeitet“. 

 

Über Jahre behielten wir nun das wechselweise Beine heben bei, zu dem mein Signal ebenfalls das Beine heben war. Irgendwann begann sich der Ausdruck von Mirko dabei zu verändern, er begann sich noch großartiger zu fühlen. 

Den Mantel des Schweigens decken wir über einen ersten Zirkuslektionenkurs, den ich abbrach, weil die Vorgehensweise der Kursleiterin nicht mit meinen Vorstellungen übereinstimmte, wie ich Mirko etwas beibringen wollte. 

Ein paar Jahre später jedoch war ich weniger achtsam, und das war fatal. 

Erneut (2008) ergab sich die Gelegenheit bei einer renommierten Trainerin einen Kurs mitzumachen und als der Vorschlag aufkam, es nun einmal „richtig“ mit dem spanischen Schritt zu versuchen, hörte ich nicht auf mein Gefühl, das mir sagte

„Eigentlich will ich das nicht.
Eigentlich brauchen wir das nicht.“ 

Stattdessen überließ ich mich der Meinung, die größere Erfahrung der Trainerin rechtfertige die mir nahegelegte Vorgehensweise, bei der ich Mirkos deutlichen Protest über meine Forderungen nicht nur überging, sondern auch bestrafte.
„Korrektur“ war der freundlichere Ausdruck, aber dennoch war es eine Strafe.

Binnen kurzem hob er dekorativ beide Beine, und in noch kürzerer Zeit begann er derart nach mir zu schnappen, dass keinerlei Handarbeit, kein Führen dicht am Kopf, kein Streicheln des Halses mehr möglich war. Jede Handannäherung an den Kopf wurde mit Schnappen quittiert. 

Es dauerte zwei Monate bis ich endlich begriffen hatte, dass die Ursache wohl in unseren unseligen Übungen zum spanischen Schritt lagen und die Arbeit daran vorerst einstellte. 

Doch es war geschehen, ich hatte unsere Beziehung, das Clickertraining, die Handarbeit, einfach alles vergiftet und für die folgenden Jahre bestand ein Großteil meines Trainingsansatzes fast ausschließlich darin, zu verstehen was passiert war und es irgendwie wieder gut zu machen. Ich lernte dabei viel. Über Stress, über kleinschrittiges Training, mehr über Stress, mehr über Training, und sehr viel über mich.
Könnte ich einmal im Leben die Zeit zurückdrehen, würde ich den Tag vor diesem ZL-Kurs wählen. Schaue ich alte Filme an, ist mir zum Heulen zumute. Vor dem Tag X war alles fein (gut, zumindest aus meiner damaligen Sicht 😉 ). Seit dem Tag X habe ich ein schnappendes Pferd und seitdem unzählige Diskussionen hinter mir, dass es weder am Clickertraining noch am Futter liegt, dass mein Pferd nach mir schnappt. 

Aber ich war immer noch der Meinung,
ich müsse „das Pferd trainieren“. 

Ganz langsam erwuchs in mir die Erkenntnis, dass ich es war der lernen musste. Ich musste mein Training ändern. Meine Einstellung. Meine Gefühle. Meine Erwartungen. Meine Kommunikation mit dem Pferd. Ich musste Zuhören lernen. Lernen auf die Signale zu achten, die mein Pferd mir andauernd gab, statt selbst Befehle zu geben. 

Und als ich darin besser wurde, schlug Mirko vor dass wir wieder am spanischen Schritt arbeiten könnten. Zunehmend bot er den einen oder anderen schön gehobenen Schritt an und ich konnte es annehmen. 

Auferstanden aus Ruinen

Aktuell ist es seine neue Lieblingsübung geworden und er geht mit großer Motivation an mein weiteres Training heran. Er bringt mir bei, das richtige Timing zu finden. Die richtige Position. Seine Signale zu verstehen, wenn ich mal wieder alles falsch mache.

Und er verzeiht mir jetzt.
Er muss mich nicht mehr dauernd beissen,
weil ich besser werde, ihn zu verstehen. 

Ich habe keinerlei Ehrgeiz (ok, das ist gelogen) den spanischen Schritt vorführreif zu erarbeiten.
Ich möchte das annehmen was er mir schenkt und freue mich an seiner Motivation. Wir werden sehen wohin uns das führt. 

Und wenn es anderen hilft, zu verstehen wie man es nicht macht, war es das wohl wert. 

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